Reise in die Vergangenheit

eingetragen in: Südamerika 2017-2022 4

Auf unseren vergangenen Reisen in Argentinien hatten wir die Goldmine „La Mejicana“ in der Region „Famatina“ bereits drei Mal besucht. Durch Danis Leidenschaft dem Gleitschirm fliegen, hatten wir die Möglichkeit mit argentinischen Piloten die Goldmine und die Landschaft auf 4‘500m.ü.M. zu bestaunen. Bereits damals träumten wir davon, ein paar Tage Zeit zu haben und die alten Wege, die 35km lange Transportseilbahn sowie die Mine in aller Ruhe zu erkunden.

 

Auf den Spuren der Incas

Die Zufahrt ins Gebirge der „La Mejicana“ ist bereits abenteuerlich. Kurz nach den ersten paar Kilometern muss der erste Fluss durchquert werden. Da es im letzten Winter kaum geschneit hatte, war die Durchfahrt durch das Wasser kein Problem. Nach ein paar Kurven sind Petroglyphen (Felsenzeichnungen) auf dem „Camino del Inca“ zu sehen. Die Inkas brachten das Gold von der Mine „La Mejicana“ bis nach „Machu Picchu“ in Peru und brachten Zeichnungen und Markierungen auf Steinen an. Diese Spuren der Vergangenheit befinden sind direkt am Rand des Tracks und sind weder ausgeschildert noch beschrieben. Gemäss den Erklärungen der lokalen Bevölkerung nutzten die Inkas diese Zeichnungen wie Wanderweg-Beschriftungen, um über Distanzen und Gefahren zu informieren. Etliche dieser Steine sind noch gut erhalten und man erkennt verschiedene Symbole darauf, die Deutung für uns war aber nicht möglich. Was sicher von Vorteil ist, dass das Gebiet von Dornenbüschen bewachsen und ziemlich unwegsam ist,  ansonsten wären mehr von diesen Zeitzeugen abtransportiert worden.

 

Tres Piedras

Eine Abzweigung vom offiziellen Weg zur „La Mejicana“ führt hoch hinauf in das Hochtal zu „Tres Piedras“. Dieser Teil des Gebirges kannten wir noch nicht und wir liessen uns viel Zeit die neue Landschaft zu erkunden. Von „Tres Piedras“ führt ein Track auch hoch hinauf bis zur Goldmine, dieser ist aber nur für Motorräder und Quads befahrbar. Ein Durchkommen mit Condorito war bereits nach ein paar Kilometer wegen eines grossen Steins nicht mehr möglich. So verbrachten wir drei Tage dort auf 3‘300m am Rande des grossen Hochtales. Daraus ragen rote Felsen, welche wie Drachenrücken die felsig grüne Landschaft durchbrechen. Ein Bauer betreibt während der Sommermonaten eine „Alp“, ein paar Steinmauern und ein Blechdach gewähren ihm Unterschlupf während der Nacht. Für die Tiere ist aus Stein und Holz ein Gehege vorhanden, der Puma reisst in der Nacht die Schafe und Jungtiere, wenn sie nicht geschützt sind. Insgesamt weiden 500 Schafe, hunderte von Ziegen, Rinder und Pferde in dieser kargen Landschaft. Ein Bach aus den höher gelegenen Bergen versorgt Mensch und Tier mit Trinkwasser. Momentan war der Bauer aber noch auf der tiefer gelegenen „Alp“ mit seinen Tieren wegen der kalten Temperaturen in der Nacht und dem spärlichen Gras.

Die roten Felsen strahlen eine ungemeine Faszination aus und verleiten zum Klettern. Sie sind steil aber griffig und es dauert nicht lange, bis wir keuchend den ersten erklommen haben. In dieser Höhe gibt es nur eins: Schritt für Schritt langsam vorwärts kommen, ansonsten ist man nach einer Minute schon ausser Atem. Eine gewaltige Aussicht belohnt die Kletterei, nur das abwärtskommen ist dann nicht mehr so einfach.

Einer dieser grossen Drachenrücken umrunden wir während einer vierstündigen Wanderung. Die Distanz war nicht gross, wir mussten aber unzählige ausgetrocknete Bachbetten durchqueren, den Dornenbüschen ausweichen und immer wieder einen Fotostopp machen. Eine Herde Guanakos weidete an der steilen Bergflanke und alarmierte das ganze Tal mit ungewöhnlichen Lauten vor den Eindringlingen. Trotzdem sahen wir Chinchillas, die flink die steilsten Felsen hinaufkletterten und uns von oben beäugten sowie unzählige Vögel in den schönsten Farben. Vor allem die Kolibris hatten es Dani angetan, aber sie flogen so schnell wieder weg, dass er sie kaum auf einem Foto festhalten konnte. Sogar Hasen, Frösche und eine Art Perlhühner gibt es in dieser Höhe, diese liessen sich aber nur kurz blicken.

 

Cañon del Ocre

Nach einem kurzen Abstecher zurück nach „Famatina“ um Wasser und Lebensmittel aufzufüllen, bogen wir nach 10km Richtung „La Mejicana“ ab. Der Haupttrack führt durch verschiedene Täler in die Höhe. Immer wieder hielten wir an, um die verschiedenen Felsformationen und -Farben zu bestaunen. Versteinerte Bäume in einer steilen Wand entpuppten sich als andersfarbige grosse Kreise aus Stein. Von Jahrringen oder Holzstrukturen war aus der Nähe plötzlich nichts mehr zu sehen. Dafür waren wir steil hochgeklettert, zum guten Glück fanden wir einen Guanako-Trampelpfad, welcher uns ohne grosse Rutschpartien wieder zurück ins Flussbett brachte. Die Farbpalette des „El Pesebre“ leuchtete nicht so intensiv, Wolken versperrten der Sonne die Kraft die Rot-, Weiss-, Braun- und Grautöne zum Strahlen zu bringen. Auch hier waren wir ganz alleine unterwegs und konnten das Naturschauspiel ausgiebig geniessen.

Der „Cañon del Ocre“ (Ockerschlucht) liegt auf 2‘500m auf halber Strecke zwischen „Famatina“ und der Goldmine, ideal um dort die Nacht zu verbringen. In vergangenen Zeiten wurde hier Ocker abgebaut für die Malerei, um Bildern und Papier die goldene Farbe zu verleihen. Der kleine Fluss der durch die Ockerschlucht führt, verliert seine gelbe Farbe nicht trotz klarer Nebenflüsse bis ins Tal.

 

Transportseilbahn zur La Mejicana

Die Seilbahn von „Chilecito“ zur Goldmine wurde in den Jahren 1903 und 1904 gebaut, um das goldhaltige Gestein ins Tal zu bringen, wo es per Güterzug an die Küste weiter transportiert wurde. Die 35 km lange Seilbahn führte mit Steigungen von bis zu 45° über unwegsames, bergiges Gelände und überwand dabei einen Höhenunterschied von 3‘500m. Eine Meisterleistung wenn man bedenkt, dass dazumal alles Baumaterial mit Maultieren und von Menschen transportiert wurde. Durch das trockene Klima in dieser Region sind die meisten Masten, Drahtseile, Wagen sowie die Zwischenstationen in einem sehr guten Zustand. Sogar das Holz für die Dampfmaschinen ist noch vorhanden, damit wurde der Antrieb der Zugseile bewerkstelligt. Für die Reise in die Vergangenheit liessen wir uns viel Zeit und staunten über die technischen Meisterleistungen aus dem vergangenen Jahrtausend. Auf der folgenden Link findet man Beschreibungen und Bilder von früher: Drahtseilbahn.

 

Famatina no se toca

Als wir vor fünf Jahren das letzte Mal in der Goldmine waren, gab es am Eingang des Tals eine Personenkontrolle. Eine grosse Minengesellschaft wollte die „La Mejicana“ übernehmen und das verbleibende Gold abbauen. Natürlich nicht mit der alten Transportseilbahn sondern mit Chemikalien. Dafür braucht es Unmengen von Wasser und die giftigen Stoffe landen dann in den Flüssen und schlussendlich im Tal. Die Region „Famatina“, welche so gross wie die Schweiz ist, hätte kein Einkommen mehr. Durch das verseuchte Wasser wäre der Anbau von Baumnüssen, Wein und Gemüse in der kargen Landschaft nicht mehr möglich. Glücklicherweise hat sich die Bevölkerung erfolgreich gewehrt und hat das Unglück verhindert. Darauf sind sie extrem stolz, mit einfachen Mitteln wie Barrieren, Pferden, Protestmärschen und dem Leitspruch „Famatina no se toca“ (Famatina verkauft sich nicht) haben sie das fast Unmögliche gegen Politik und Wirtschaft erreicht.

Bereits im Jahre 2000 versuchte eine Minengesellschaft ihr Glück, baute Unterkünfte und brachte Material in die Höhe. Die machten verschiedene Bohrungen und Explorationen, wurden aber auch wieder vertrieben. Heute sind Bestrebungen im Gang, die Region in einen Nationalpark zu überführen, um das Gebiet dauerhaft zu schützen.

Die verlassenen Gebäude auf 3‘900m.ü.M. nutzen wir, um Condorito windgeschützt zu positionieren. In der Nacht fiel die Temperatur unter 0°, bei Sonnenschein tagsüber hatten wir teilweise über 25°. Das Nachtessen fiel meist kalt aus, mit Stirnlampe und Handschuhen wollten wir draussen nicht mehr warm kochen. Die Stille in der Nacht war fast unheimlich, immer wieder hörten wir Motorenlärm. Unsere Wahrnehmung spielte uns einen Streich, die ganzen vier Tage begegneten wir keinem Auto und keiner Menschenseele.

 

La Mejicana

Von unserem Übernachtungsplatz bei den Gebäuden aus machten wir verschiedene Ausflüge zu Fuss und mit dem Camper. Natürlich mussten wir auch wieder die Goldmine erkunden, optimal ausgerüstet mit Stirn- und Handlampen, warmen Kleidern und einer Portion Mut. Diesen brauchte es schon, alleine auf 4‘500m.ü.M. durch ein enges Loch zu kriechen, da der Eingang teilweise zugeschüttet ist. Im Stollen selbst konnten wir dann wieder stehen und waren augenblicklich abgelenkt durch die Goldadern in den Wänden. Natürlich wussten wir, dass es nur Katzengold ist, die funkelnden und glitzernden Streifen suggerierten aber etwas anderes. Durch den fehlenden Niederschlag im Winter und die zu hohen Temperaturen in dieser Höhe ist der Stollenboden nicht mehr aus Eis, sondern eine matschige Angelegenheit. Auch die unwirklichen Eiskristalle, über welche wir beim letzten Besuch extrem gestaunt hatten, sind alle weggeschmolzen und dies bis zu einer Tiefe von 200m im Berg. Ein grosser Eiswasserfall ist zu einem mickrigen Gebilde geschmolzen, die Wassertropfen aus dem Fels werden ihn in der nächsten Zeit zum Verschwinden bringen. Trotzdem konnten wir uns nicht satt sehen, das Kupfersulfat tropft blau in Form von langen, feinen Stalaktiten von der Decke und das Chromsulfat bildet Kristalle, welche grasgrüne Flecken an den Wänden hinterlassen. Als wir das Licht im Stolleneingang aus den Augen verloren hatten, kehrten wir um. Mit einem Führer könnte man die kilometerlangen Stollen erkunden, wovon heute sicher noch ein grosser Teil begehbar wäre. Aber einen anderen Ein- resp. Ausgang in die weitverzweigten Stollen gibt es nicht. Als Andenken nahmen wir ein paar Brocken Pyrit sowie Steine mit Katzengoldadern mit, obwohl wir davon Zuhause bereits eine Sammlung haben. Die Faszination dieses Gebietes und der Vergangenheit lässt einem auch nach mehreren Besuchen nicht los.

 

Zurück in Famatina

Die Fahrt hinunter brachte uns wieder in die Gegenwart zurück, Höhenmeter für Höhenmeter auf dem Track vorbei an den farbigen Felsformationen, etliche Male durch den gelb eingefärbten Fluss und mit Begegnungen verschiedener Tiere nach Famatina. Wir genossen nach fünf Tagen die warmen Temperaturen und feierten Weihnachten ganz ohne Christbaum, Geschenke aber mit einem feinen Essen.

 

Ungeplant wieder in der Schweiz

Kurz vor Silvester verunfallte Dani bei einer ganz gewöhnlichen Landung mit dem Gleitschirm. Er renkte sich den Fuss aus, brach sich das Wadenbein sowie mehrere Male auch das Sprunggelenk. Die Ärzte in La Rioja rieten ihm, die komplizierte Operation wenn möglich Zuhause durchführen zu lassen. So fuhren wir 1’600km zurück nach Uruguay, stellen Condorito in einem sicheren Ort ein und flogen von Montevideo über Madrid nach Zürich zurück. Trotz allem Unglück hatten wir auch eine riesige Portion Glück und zerren beim neblig kalten Wetter in der Schweiz von unserer Reise in die Vergangenheit.

4 Responses

  1. hannelies
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    hallo ihr beiden,
    wir wünschen euch viel geduld und humor beim genesungsprozess……

    lg hannelies

  2. Christoph
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    Werter Dani, Werte Claudia,
    herzlichen Dank für die Möglichkeit an euren Abenteuern teil zu haben. Das ist sehr erfrischend neben all dem „News“ die man aus der Welt sonst so erhält.
    Mir hat Süd Amerika sehr gefallen, ein Hauch von Freiheit war zu spüren.
    Dir Dani wünsche ich gute Genesung und so wie ich euch kenne, wird der Zwischenstopp für vielerlei Erledigungen genutzt!

    Liebe Grüsse von der zur Zeit 2 Meter (Schnee) höher gelegenen Riederalp

    Christoph

  3. Condorito
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    Ihr kennt dies ja leider auch bereits von Hannes Unfall in Argentinien…

  4. Condorito
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    Vielen herzlichen Dank für die Genesungswünsche und hoffentlich nicht allzu viel Schnee zum Schaufeln auf der Riederalp

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